Vera F. Birkenbihl ist tot. Versuch eines Nachrufes

Ein genialer Geist ist von uns gegangen.
Eine der erfolgreichsten Trainerinnen Deutschlands. Eine Autorin, die Bücher schrieb, die man immer wieder lesen und durcharbeiten kann (Stroh im Kopf?, Trotzdem lehren, Das innere Archiv, Birkenbihls Denkwerkzeuge, um nur wenige zu nennen). Eine Rednerin, die selbst aus dem schwierigsten Thema ein gut verständliches und amüsantes Ereignis machte. TED-Speaker, Coaching Award und German Speaker Award Gewinnerin. Eine Forscherin, die zu jedem Thema etwas zu sagen hatte, immer kompetent und immer interessant, oft aufrüttelnd.
Ich bin froh und dankbar, dass ich sie persönlich kannte und viele Stunden mit ihr teilen durfte.
Vera F. Birkenbihl hat Lerntechniken entwickelt, die einfach sind, wirksam und damit schlicht genial. Sie sind völlig anders. als alles was man sonst kennt und lassen sich leicht erlernen und ohne großen Aufwand überall umsetzen.
Schon in den 90er Jahren in München stieß ich auf die Methode zum Sprachen lernen, die mich sofort überzeugte. Ich habe mein (Schul-)Englisch aufgefrischt, indem ich Bücher gelesen habe („Nehmen Sie Bücher, nicht Kurzgeschichten, denn es ist einfacher….“ EINFACHER???) Heute lese ich mehr englische Bücher als deutsche.
Damals habe ich die Bedeutung des Werkes noch nicht erkannt. Erst 2005 stieß ich wieder auf sie und lernte ABC-Listen und Kawas (in bestimmter Weise festgehaltene Assoziationen, die es leicht machen, sich wieder an das Gelernte zu erinnern) kennen. Und ihre Aussage: “Es gibt keine trockenen Themen, nur trockene Dozenten“. Das habe ich geprüft und mir dann den Vortrag „Von null Ahnung zu etwas Quantenphysik“ gekauft und damit war ich ihr verfallen. Den Vortrag habe ich x-mal gehört. (In der Schule hatte ich Physik nie verstanden)
Seitdem gehören diese Techniken zu meinem Leben und zu meiner Arbeit.
„Was machst Du schon wieder?“ „Ich birkenbihle.“ Ich war anfangs abends gar nicht mehr zu sprechen.
Auf Fortbildungen ist mein Platz schon von weitem zu erkennen, denn er liegt voll mit bunten Stiften und einer Kladde mit einem Kawa.(zB: Betriebsaufspaltung) So „schreibe ich mit“ und habe festgestellt, dass ich viel konzentrierter bin, egal wie langweilig der Dozent ist und viel mehr weiß, wenn ich nach Hause gehe.
Wie kann ein so buntes und auf den ersten Blick chaotisches Wortbild übersichtlicher sein, als normal geschriebene Notizen? Es ist so.
Ich war ihr Versuchskaninchen, denn Vera F. Birkenbihl übte alle Ihre Vorträge und Seminare mehrfach am Telefon. Irgendwann rief sie an und es folgte eine Zeit des regen Austausches. Die Entstehung von “Von null Ahnung zu etwas Türkisch“ habe ich am Telefon miterlebt und durfte dann bei der Aufzeichnung dabei sein. Ein genialer Vortrag, der deutlich zeigt, wie Vera F. Birkenbihl Themen aufbereitet und leicht und interessant macht.
ABC-Listen und Kawas sind dabei nur ganz kleiner Ausschnitt ihres Werkes. Sie hat sich mit allem beschäftigt. Insbesondere, als sie nicht mehr so viele Firmenkunden angenommen hat und ihre Forschungen und Ideen veröffentlicht hat, anstatt sie einer Firma zur Verfügung zu stellen, hat sie fast jedes Thema aufgegriffen und außerdem die Lehrer aufgescheucht.
Was haben wir ihr alles zu verdanken: klare Worte zur Verteilung der Verantwortung im Bildungssystem, viele Lerntechniken, Sprachen lernen, ohne Vokabeln zu pauken.
Und eine Haltung zum Menschen: jeder hat Stärken, die Lehrenden müssen sie finden, Anti-Ärger-Strategien, Verantwortung übernehmen für das eigene Handeln.
Wer sie persönlich kennt, weiß, wie sie mit sich selbst und ihren Unzulänglichkeiten gekämpft hat, wie sie endlich gefunden hat, dass sie am Asperger-Syndrom leidet und gelernt hat, sich selbst damit zu akzeptieren.
Es war nicht leicht mit ihr und ohne ihr Herz, dass selbst nach einem heftigen Streit wieder sichtbar wurde, hätte man es gar nicht ausgehalten. Sie war nie nachtragend.
In den letzten beiden Jahren hatte ich mich etwas zurückgezogen, weil ich glaubte, anderes sei zunächst wichtiger und später, wenn ich wieder mehr Zeit habe, kann ich wieder stundenlang telefonieren……verpasst und verpatzt. Nur noch kurze letzte Gespräche in denen der Abschied schon durchschien.
Und gleichwohl ist die Verbindung nicht abgerissen, sie wird bleiben. In meinen Seminaren, bei jeder Fortbildung, an der ich teilnehme ist sie gegenwärtig, in unserer Kawa-Gruppe wird sie lebendig sein.

Danke Vera!


Vera F. Birkenbihl ist tot. Versuch eines Nachrufes - Fotovfb

Eingestellt am 06.12.2011 von C. Wessolleck
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1 Kommentar zum Artikel "Vera F. Birkenbihl ist tot. Versuch eines Nachrufes":

Am 05.07.2012 schrieb (anonym) folgendes:
Hallo, Frau Wessolleck!

Auf einer Reise durchs Netz habe ich Ihren Nachruf "zufällig" gefunden. Mir gefällt Ihr Abschieds-Kawa und ich wünsche Ihnen von Herzen viel Spaß beim Birkenbihlen.

Mit den besten Grüßen aus München
Anke (eine begeisterte Birkenbihlerin)

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